Katechumenen

Die Predigt zu Eph 6,1-4 unter Mitwirkung der Katechumenen

„Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt.“ (Offb. 1,4)

Liebe Gemeinde,
„Wenn dich jemand liebt, ist das das Schönste, was einem passieren kann.“
Das ist einer der treffendsten Sätze, die ich in den letzten Wochen im Unterricht mit den Katechumenen gehört habe.
Wir haben viel über die Liebe gesprochen.
Wie abhängig ist man als liebender Mensch? In wie weit respektiert man den anderen?
Habe ich eigentlich ausreichend „Danke“ gesagt dafür, dass ich mich geliebt weiß?
Wir sind darauf gekommen, weil Paulus in einem seiner Briefe relativ unvermittelt von der Liebe der Kinder zu ihren Eltern schreibt.
Die Briefzeilen, die Sie gleich hören werden, verwirren, denn:
Wir wissen von Paulus gar nicht genau, ob er überhaupt Kinder hatte.
Ich gehe eher davon aus, dass er keine Kinder hatte.
Das bedeutet für den Brief: Paulus schreibt als unbeteiligter Beobachter über ganz private Situationen in Familien.
Beim Lesen des Textes mussten wir also immer die Frage im Hinterkopf behalten:
Kann Paulus mit seiner Ermahnung überzeugen?
Oder schreibt er irgend so einen allgemeinen, generalisierenden Sachverhalt auf, der in seiner Banalität niemanden weiter hilft?

Wir begaben uns also auf die Suche nach Antworten.
D.H. wir lasen den paulinischen Brief, in Luthers Übersetzung mit all ihren alten Worten und überraschenden Entdeckungen.
Hören wir diesen Briefabschnitt aus dem Epheserbrief im 6. Kapitel, Verse 1-4.
(Mandy) Eph 6,1-4 Ihr Kinder, seid gehorsam euren Eltern in dem Herrn; denn das ist recht. 2 »Ehre Vater und Mutter«, das ist das erste Gebot, das eine Verheißung hat: 3 »auf daß dir's wohl gehe und du lange lebest auf Erden«. 4 Und ihr Väter, reizt eure Kinder nicht zum Zorn, sondern erzieht sie in der Zucht und Ermahnung des Herrn.“
Paulus ermahnt die Kinder. Und er ermahnt die Väter. Er mischt sich von außen in die Erziehung ein

Gleich bei Vers 1 ergaben sich Fragen: „Ihr Kinder, seid gehorsam euren Eltern in dem Herrn; denn das ist recht.“
Wann genau muß ich gehorsam sein?
Wenn ich z.B. zu einer Geburtstagsparty will, aber zu meinen Großeltern muss.
„Würde ich da gehorchen?“ fragten sich die Katechumenen.
„Nein.“ war eine der Antworten.
„Ich möchte ganz sicher lieber zur Geburtstagsparty gehen, denn 1. möchte ich mit meinen Freunden feiern. 2. Habe ich keine Lust auf die Großeltern. 3. möchte ich nichts verpassen.
Aber schlussendlich hat man als Kind ja eh keine Wahl und muss mit zu langweiligen Erwachsenenfeiern und Großelternbesuchen, denn die Eltern sind de facto die Bestimmer des Tagesablaufes.“
Meint Paulus mit seinem Vers wirklich, dass Kinder sich wie Sklaven unterwerfen müssen und ihren Alltag von Erwachsenen bestimmen lassen sollen?

Ich denke, Paulus meint mit dem Gehorsam das, was er auch an anderen Stelle betont:
Gehorsam sein oder im deutschen auch „Gehorchen“ kommt seinem Wortstamm nach von „Zuhören“= akou,w.
Seid gehorsam den Eltern gegenüber heißt zunächst einmal ganz allgemein:
Hört auf das, was eure Eltern sagen.
Hört erst einmal in Ruhe zu. Hört bis zum Ende.
Und wenn ihr es nicht verstanden habt, fragt nach und fordert Begründungen.
Gehorsam sein bedeutet zunächst einmal zuhören.

Das schreibt Paulus übrigens nicht nur im Hinblick auf Kinder und Eltern.
Noch öfter schreibt er von diesem Gehorsam Jesu Christi gegenüber.
Wir als Glaubende sind zunächst dazu verpflichtet, unserem Herrn Gehorsam zu zeigen.
Wir sollen zuhören.
Das Evangelium hören.
Und uns ganz von dem gesprochenen Wort einnehmen lassen, bevor wir Entscheidungen treffen.

Genau diesen Ansatz habt ihr Katechumenen in der Vorbereitung erkannt.
Zwar habt ihr vielleicht schon eigenes Geld und könnt selbst bestimmen, für welchen Zweck ihr es ausgebt.
Doch wenn euren Eltern den Kauf von Computerspielen als unsinnige Investition abtun, kann daran durchaus etwas Wahres dran sein.
Das fällt einem leider meistens zu spät selbst auffällt.

„Ihr Kinder, seid gehorsam euren Eltern in dem Herrn; denn das ist recht.“ D.h. nach unserer Interpretation zunächst einmal:
hört aufeinander und schaut, in wie weit das eigenen Handeln für die Bedürfnisse recht ist.
Die Eltern sind zu respektieren.
Sie sorgen für ihre Kinder. Sie lieben ihre Kinder.
„Wenn dich jemand liebt, ist das das Schönste, was einem passieren kann.“ Diese Grundannahme kann nicht oft genug laut ausgesprochen werden.

Daraus ergibt sich fast automatisch der 2. Vers des Briefes: 2 »Ehre Vater und Mutter«, das ist das erste Gebot.“
„Es kommt auf die Laune an, wie nett man gerade ist.“ Hat eine von Euch dazu gesagt.
Mal ist die Stimmung zu Hause gut, mal konfliktgeladen.
Trotzdem ist für Euch alle selbstverständlich, dass Vater und Mutter ohne Wenn und Aber respektiert werden sollten.
Denn einige von Euch berichteten: „Manche Kinder haben keinen Respekt vor ihren Eltern/Lehrern. Das finde ich nicht gut. Aber auch, dass die Lehrer/Eltern dann mit Strafen drohen. Manche wollen immer ihren Willen durchsetzen und sind dann hysterisch, wenn es nicht klappt.
Der respektvolle Umgang miteinander scheint von beiden Seiten immer wieder einer Erinnerung zu bedürfen.
Das ist normal.
Was anscheinend in der Hektik des Familienalltags auch öfters untergeht ist der Dank, der dem Respekt immer vorauseilt.
Nur wer erfahren hat, dass anderen Menschen Ernst zu nehmen sind, kann sich selbst Respekt abverlangen.
Wenn mir jemand geholfen hat,
wenn er mich in meiner Situation ernst genommen hat
oder wenn er mir gezeigt hat, wie wertvoll eine Begegnung sein kann,
kann ich dankend weitergeben, wie man umsichtig und wertschätzend miteinander umgeht.

Ihr Katechumenen habt Euch ganz persönlich Gedanken gemacht, wofür ihr Euren Eltern dankbar seid.
Hören wir einige Auszüge: „Sie sind immer für uns da. Wir danken dafür, dass sie uns lieben. Und uns versorgen. Wir danken, dass sie für uns sorgen und uns umarmen und mit uns reden“ –
Ich bin meiner Mutter dankbar, dass wir nicht auf der Straße sitzen, weil sie eine Arbeit hat. Ich danke, dass wir zusammen am Wochenende einen Ausflug mit Freunden machen, weil es Spaß macht
Wir danken unseren Eltern, dass wir in die Schule gehen können. Andere Eltern haben z.B. in Afrika gar nicht die Chance, dass die Kinder in die Schule gehen können. Ich bin dankbar, dass sie immer für mich da sind. Ich danke meinen Eltern dafür, dass ich Geschwister habe.“

„Ehre Vater und Mutter“. Dieses Gebot hat viel zu bieten.
Respektiere deine Eltern, weil sie sich um dich sorgen.
Zeige Deine Dankbarkeit, indem Du auf sie hörst.
Begegne deinen Eltern genauso wie Du selbst behandelt werden möchtest: mit Anstand, Toleranz und Geduld.
Schau genau hin, ob nicht auch das höhere Lebensalter der Eltern mit einer umfangreichen Lebenserfahrung einhergeht, von der man sich eine Scheibe abschneiden könnte.
Beobachte dich selbst, wie du jeden Tag ein Stück mehr vom Kind zum Jugendlichen heranwächst.
Die Perspektive auf Vater und Mutter ändert sich mit jedem Tag, den wir leben.

V.3 Was muß man tun, damit es mir wohlergeht und ich lange lebe?
Das haben wir uns gefragt, als wir Paulus lasen. Paulus schreibt ganz klar: „Ehre Vater und Mutter, damit es Dir wohlergehe.“
Wir kamen zu dem Schluss: Ehren heißt erst mal: Danke sagen, dass es uns gut geht.
Ehren heißt weiter: seine Rolle als Kind akzeptieren.
Und das bedeutet ja nicht nur, dass man sein Leben von den Eltern bestimmen lässt.

Seine Rolle als Kind akzeptieren, lässt ja durchaus Handlungsspielräume offen.
Wenn Eltern nicht wollen, dass man z.B. zu einer Freundin geht, sollte man z.B. einen Deal machen. Man könnte auch versuchen, die Eltern zu überreden: „Mama, darf ich mich verabreden?“ „Nein, du musst noch Hausaufgaben machen!“ „Bitte, ich mach danach auch meine Hausaufgaben. Sonst darf ich mich nie wieder verabreden.“
Vielleicht kennen Sie solche Dialoge und Erpressungsversuche.
Sie erwachsen aus dem natürlichen Gefälle, was Eltern und Kinder zu Hause ausleben.
Jeder hat seine Rolle und es fällt schwer, diese Rollen aufzugeben.
Einer der sensibelsten Phasen solcher Rollenwechsel ist, meiner Meinung nach, der Übergang von der Kindheit in die Jugend.
In welchen Dingen gehöre ich als Kind nun schon zur Erwachsenenwelt?
Wo darf ich noch Kind sein?
Wo will ich mitreden?
Wann gebe ich als Eltern große Teile der Erziehung an anderen Institutionen und Erwachsene ab?
Ändert sich nur das Kind in seiner Entwicklung oder
gibt es auch bei mir als Erwachsenem in diesen Jahren einen deutlichen Wechsel meiner Lebensphasen?

Diese Fragen werden wir uns im Unterricht in den kommenden Jahren immer wieder stellen.
Das Leben in einem Familienverbund hat viel zu bieten.
Und es gibt viel zu ertragen.
Besonders die Einflüsse von außen können Familien bedrängen.
Paulus scheint das miterlebt zu haben, wenn er in seinem Brief schreibt:
«Und ihr Väter, reizt eure Kinder nicht zum Zorn, sondern erzieht sie in der Zucht und Ermahnung des Herrn.“
Wer seine Kinder reizt, ist selbst gereizt.
Auch Paulus konnte davon berichten.
Er sagt nicht, warum die Väter gereizt waren.
Es ist auch unklar, was die Mütter in diesen Situationen gemacht haben.
Waren sie die Streit-Schlichter? Oder haben sie den Männern bei Streitigkeiten den Vortritt gelassen?
Wir erfahren es nicht im Brief. Also haben wir uns selbst an Situationen erinnert, in denen man sich zu Hause gestritten hat. Wie verläuft das bei Euch?

Ich zitiere: „Ich habe erlebt, dass ich bei einem Streit mit meinen Eltern in mein Zimmer laufe, die Tür zuknalle und sauer bin. Wenn ich mich aber wieder beruhigt habe, gehe ich zu meiner Mutter und entschuldige mich.“
Andere erzählen, dass Mütter nach Streiten einfach ins Zimmer kommen und einem alles sagen, was man falsch gemacht hat. „Bei manchen regelt sich der Streit mit den Eltern ohne „Entschuldigung“. Nach ca. 2 Stunden im Zimmer Sitzen, ist alles wieder gut und die Eltern sind nicht mehr böse.“
„Väter wollen Konflikte schneller klären und alles sofort regeln.“ „Mein Vater stellt gar nicht so viele Regeln auf. So streiten wir uns auch selten.“

Wie kann man das schaffen, Zorn und Konflikte mit den Eltern auf ein gesundes Maß zu reduzieren? Im Unterricht habt ihr Wünsche ausgetauscht, die ihr an Eure Eltern habt:
„Sie sollen verständnisvoller sein. Sie sollen versuchen, mit mir lernen. Sie sollen uns die Welt näherbringen. Ich mag es lieber, wenn mir jemand etwas erklärt, den ich kenne, da ich dann offener bin. Mir hilft es, dass ihr die Vokabeln abfragt.“
Es scheint so, als wären wir mit diesem vierten Satz im Brief wieder beim ersten Satz angekommen.
Konflikte lassen sich vorbeugende umgehen, wenn man sich zuhört.
Ernst nehmen und respektieren sind die Forderungen, die zwar so alt sind wie die Menschheit, doch anscheinend heute immer noch des Aussprechens wert.
Zuhören und darin einer Hierarchie gehorchen; das sind Forderungen, wie sie das Christentum bereithält.
Wer zuhört, lässt sich etwas sagen. Er ist noch nicht fertig mit seinem eigenen Selbstbild.
Wer zuhört, geht aus sich heraus. Nicht ich selbst bestimme über mein Leben, sondern ich lasse mich auf andere Horizonte ein.
Wer zuhört, vertraut seinem Gegenüber.
Gerade in einer liebenden Beziehung zueinander erscheint es mir eine der Grundfesten zu sein, dass man sich zuhört und dass man gehört wird.
Nur so kann diese wundervolle und tiefe Gefühl der absoluten Vertrautheit, welches wir Liebe nennen, zur vollen Blüte kommen.
Paulus könnte nicht aktueller zu uns sprechen; egal ob er nun selbst Vater war oder nicht.
Er wird es, genau wie wir, erlebt haben wie es ist:
„Wenn dich jemand liebt, ist das das Schönste, was einem passieren kann.“
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen in Jesus Christus. Amen.

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